Ein Bericht von der Diskussionsveranstaltung „Anti-islamische Bewegungen in Deutschland“ am 09. Oktober 2009
Julia Franz hat diesen Artikel bei diesem Blog eingereicht.
Die OASE Berlin hatte ins Café Multi-Kulti zur Diskussion mit dem Politikwissenschaftler Peter Widmann (Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin) und dem Imam Abdul Tariq der Ahmadiyya Muslim Gemeinde in Pankow-Heinersdorf eingeladen. Anhand des Konflikts um den Moscheebau in Heinersdorf sollten Aspekte aktueller Islamfeindschaft behandelt werden. Es war zu vermuten, dass die IPAHB („Interessengemeinschaft Pankow-Heinersdorfer Bürger“) ebenfalls kommen würde. Unter den ca. 30 Teilnehmenden war nicht nur der Vorsitzende Joachim Swietlik.
Im Vortrag zum Phänomen Islamfeindschaft in Deutschland ging es allerdings nur am Rande um die IPAHB. Peter Widmann analysierte das Feindbild und seine wesentlichen Elemente und wies auf Überschneidungen mit dem klassischen rechtsextremen Weltbild hin. Islamfeindschaft sieht in Muslimas und Muslimen die radikal Anderen, die die Gesellschaft unterwandern. Behauptet wird eine fortschreitende „Islamisierung“, die sich der Zuwanderung wie auch der Untätigkeit der politischen Eliten und der Ignoranz der Medien verdankt. Die Gültigkeit des Stereotyps wird durch die Annahme einer besonderen muslimischen Hinterlist behauptet. Jede Differenzierung des Bildes vom Islam wird so als gezielte Täuschung zurückgewiesen. Als „Belege“ dienen Koranzitate, die unter Absehung von religiösen und sozialen Kontexten und Deutungen als Wesensmerkmale wörtlich genommen werden.
Widmann sprach vor allem über die überregionalen islamfeindlichen Organisationen Pax Europa und Pro Köln und beleuchtete deren Hintergründe. Die rechtspopulistische Pro Köln hatte seit ihren Erfolgen mit einer Kampagne gegen den Bau einer Moschee in Köln-Ehrenfeld das Thema Islamfeindschaft als wirksames Mittel erkannt, ihre Ideologie in die Mitte der Gesellschaft zu transportieren. Mit ihrem Auftreten als Bürgerbewegung und vorgeblich sachorientierten Kampagnen sollte das rechtsextreme Image abgestreift werden. Dazu dient laut Widmann auch der Einsatz von Israelflaggen auf islamfeindlichen Demonstrationen, die häufig nicht von Israelis und jüdischen Deutschen, sondern den Anhängern rechter Organisationen wie Pro Köln gezeigt werden. Auch auf der von Pax Europa angemeldeten Demonstration am 3. Oktober in Berlin gegen den Tag der offenen Moschee, der als Okkupation des deutschen Nationalfeiertags betrachtet wird, waren Israelflaggen Teil des Auftritts. Anders als Pro Köln versammelt Pax Europa das bürgerliche christlich-konservative Spektrum. Der Berliner Landesverband von Pax Europa besteht zu großen Teilen aus der IPAHB. Deren Vorsitzender Swietlik ist im Berliner Verband von Pax Europa Stellvertreter des Vorsitzenden René Stadtkewitz. Die sich bürgerlich gebende Organisation überschneidet sich ideologisch mit der aggressiver auftretenden Pro Köln. Beide treffen sich auf der prominenten anti-muslimischen Webseite „Politically Incorrect“. Was Islamfeindschaft von rationaler Kritik unterscheidet, formulierte Widmann so: Kritik richtet sich an konkrete Akteure (Individuen oder Gruppen), ist differenziert und bedient sich keiner doppelten Standards.
Imam Abdul Tariq wurde direkt im Anschluss an Widmanns Ausführungen zu seinen Erfahrungen in Berlin interviewt, insbesondere zu denen im Konflikt um den Bau der Khadija-Moschee in Heinersdorf. Tariq berichtete von seinem Studium der deutschen Sprache und Literatur und seinem Leben in Deutschland. Recht persönlich war seine Schilderung der eskalierenden Bürgerversammlung zum geplanten Moscheebau im März 2006. In diesem Jahr wurde zum ersten Mal Ramadan in der fertig gestellten Khadija-Moschee begangen, unter anderem mit Vorträgen über das religiöse Fasten im Christentum, Judentum und Islam.
In der anschließenden Diskussionsrunde traten AktivistInnen der IPAHB zunächst einzeln auf. Der größte Teil ihrer Beiträge richtete sich nicht an Imam Tariq, sondern an Peter Widmann. Die Einordnung der vorgestellten Organisationen als politisch weit rechts stehend wehrten die IPAHB-Leute pauschal ab. Das gipfelte darin, dass Widmann zur Kritik am Fundamentalismus im Namen der Partei Die Linke aufgefordert wurde. Noch peinlicher war die Beteuerung einer Diskutantin „Ich bin Otto Normalverbraucher!“. Wie üblich stellten sich die IPAHB-Leute zunächst taktisch als seit 20 oder 30 Jahren in Heinersdorf lebende BürgerInnen vor, um dann provokative Fragen zu stellen („Warum sind 50% der jugendlichen Straftäter Muslime?“) oder Co-Referate mit religiösen Zitaten zu halten. Eindrucksvoll demonstrierten sie die im Vortrag zuvor analysierte Funktionsweise des Feindbildes und dessen bürgerliche Verbrämung – mal mehr, mal weniger eloquent. Andere TeilnehmerInnen der Veranstaltung gingen darauf nicht ein. Nur wenige gaben sich als Muslime zu erkennen und stellten Fragen zur Islamfeindschaft an Peter Widmann. Niemand protestierte gegen die offensichtliche Besetzung der Diskussion durch abgesprochene Redebeiträge. Joachim Swietlik meinte, er müsse sich hier wohl kaum vorstellen, und tat es anschließend doch. Anders als seine Vorredner äußerte er sich nicht anti-muslimisch, sondern diffamierte Widmann als unseriös. Es gebe keine Verbindungen von Pax Europa und der IPAHB zu Pro Köln, mit Rechtsextremen habe man nichts zu tun. Dass mit „Politically Incorrect“ eine gemeinsam genutzte öffentliche Plattform besteht, wie im Vortrag anhand von Screenshots belegt, wies Swietlik nonchalant zurück. Mehrfach stellte er seine persönliche Beziehung zu Tariq heraus. Die etwas gönnerhafte Betonung seines Respekts vor dem Imam ließ die Strategie jedoch deutlich sichtbar werden, sich als sachlichen und überlegenen Demokraten zu inszenieren. Als einen, der gegen Medien und etablierte Parteien den Kampf für abendländische Werte führt. Volkes Stimme. Wie gesagt.

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